OMI-SPEC-130 – Annotationsmodell
Status: Entwurf
Version: 0.2.0
Alte Kennung: OMI-SPEC-003
Basiert auf: OMI-SPEC-100 (Dokumentmodell), OMI-SPEC-110 (Anker-Modell), OMI-SPEC-120 (Wissenschaftliches Objektmodell)
Zusammenfassung
Das Annotationsmodell legt fest, wie semantische Informationen in einem Dokument des „Open Manuscript Initiative“ (OMI) an wissenschaftliche Objekte angehängt werden.
Im Gegensatz zu herkömmlichen Textverarbeitungsprogrammen sind Anmerkungen eigenständige wissenschaftliche Objekte. Sie sind nicht an Seitenpositionen, sondern an feste Ankerpunkte gebunden, wodurch Manuskripte während ihres gesamten Lebenszyklus portabel, maschinenlesbar und publikationsunabhängig bleiben.
Dieses Modell dient als Grundlage für Notizen, Kommentare, Peer-Reviews, KI-Vorschläge, redaktionelle Anweisungen, semantische Zitate und zukünftige Annotationstypen.
1. Motivation
Herkömmliche Textverarbeitungsprogramme behandeln Anmerkungen als Formatierungselemente, die an ein visuelles Layout gebunden sind.
Dieser Ansatz weist erhebliche Einschränkungen auf:
- Noten brechen beim Bearbeiten auseinander
- Kommentare sind anwendungsspezifisch
- Prüfdaten lassen sich nicht ohne Weiteres austauschen
- KI-Annotationen können nicht beibehalten werden
- Veröffentlichungsformate erfordern eher eine Konvertierung als eine Transformation
OMI ersetzt dieses Modell durch eine semantische Architektur.
Anmerkungen werden wissenschaftlichen Objekten zugeordnet – nicht einzelnen Seiten.
2. Gestaltungsprinzipien
Anmerkungen MÜSSEN:
- unabhängig vom Dokumentlayout existieren
- Referenz-Stabilitätsanker
- die strukturelle Bearbeitung überstehen
- Unterstützung mehrerer Anmerkungs-Ebenen
- maschinenlesbar bleiben
- weiterhin manuell bearbeitbar bleiben
- in verschiedenen Publikationsformaten übertragbar sein
Anmerkungen gehören NIEMALS zu einer gerenderten Seite.
Sie gehören zu den semantischen Objekten.
3. Architektur
Manuscript
├── Metadata
├── Sections
├── Blocks
├── Figures
├── Tables
├── Equations
├── References
├── Notes
└── Annotations
Anmerkungen bilden eine eigenständige Sammlung.
Dokumentobjekte enthalten niemals eingebettete Anmerkungsdaten.
4. Zielmodell
Jede Anmerkung verweist auf einen oder mehrere Anker.
Annotation
│
▼
Anchor
│
▼
Scholarly Object
Anker werden durch das Anker-Modell definiert und bieten auch nach der Bearbeitung stabile Referenzpunkte.
5. Unterstützte Ziele
Anmerkungen KÖNNEN sich auf Folgendes beziehen:
- Manuskript
- Abschnitt
- Unterabschnitt
- Absatz
- Inline-Textbereich
- Abbildung
- Abbildungsbereich
- Tabelle
- Tabellenzelle
- Gleichung
- Literaturverweis
- Zitat
- Glossareintrag
- Metadatenfeld
- Autor
- Kommentar zur Rezension
- externe Quelle
Zukünftige Objekttypen KÖNNEN diese Liste erweitern.
6. Annotationstypen
OMI definiert Annotationen anhand ihrer semantischen Rolle und nicht anhand ihrer Darstellung.
Anmerkungen
- Fußnote
- Endnote
- Anmerkung des Autors
- Anmerkung der Redaktion
- Anmerkung des Übersetzers
Kommentare
- Kommentar
- Antwort
- Diskussionsfaden
- gelöster Kommentar
Rezension
- umfassende Überarbeitung
- geringfügige Überarbeitung
- Frage
- Empfehlung
- Genehmigung
- Ablehnung
Quellenangabe
- stützt die Behauptung
- widerspricht
- Hintergrund
- Primärquelle
- Sekundärquelle
KI
- Vorschlag zur Überarbeitung
- Grammatikvorschlag
- Übersetzung
- Vorschlag zur Terminologie
- Faktencheck
- Warnung bezüglich der Konsistenz
Verlagswesen
- Lektorat
- Korrekturlesen
- Fertigungsanweisung
- Satzanweisung
- Anmerkung des Verlags
7. Datenmodell
Beispiel:
{
"id": "annotation-001",
"type": "footnote",
"target": {
"anchor": "anchor-15"
},
"body": {
"content": "The original manuscript contains a different reading."
},
"creator": "orcid:0000-0002-1234-5678",
"created": "2026-07-21T12:00:00Z",
"modified": "2026-07-21T12:10:00Z"
}
8. Mehrere Ziele
Eine Anmerkung KANN sich auf mehrere wissenschaftliche Objekte beziehen.
Beispiel:
Paragraph 2
+
Figure 5
+
Table 3
Auf diese Weise kann eine wissenschaftliche Erklärung mehrere miteinander in Zusammenhang stehende Objekte gleichzeitig beschreiben.
9. Umfangreiche Anmerkungen
Annotationskörper sind selbst „OMI“-Dokumente.
Daher KÖNNEN Anmerkungen Folgendes enthalten:
- formatierter Text
- Quellenangaben
- mathematische Ausdrücke
- Zahlen
- Tabellen
- semantische Verknüpfungen
- verschachtelte Anmerkungen
Anmerkungen sind nicht auf reinen Text beschränkt.
10. Stabile Verankerung
Anmerkungen DÜRFEN NICHT von folgenden Faktoren abhängen:
- Seitenzahlen
- gerenderte Koordinaten
- visuelle Gestaltung
Stattdessen verweisen sie auf stabile Anker, die in der Norm „OMI-SPEC-110“ definiert sind.
11. Rendering
Die Darstellung hängt vom Renderer ab.
Die gleiche Anmerkung kann wie folgt dargestellt werden:
| Ausgabe | Darstellung |
|---|---|
| HTML | Popup |
| Fußnote | |
| EPUB | Endnote |
| DOCX | Native Fußnote |
| JATS XML | <fn> |
| Web-Rezension | Kommentar in der Seitenleiste |
Das Manuskript selbst ändert sich nie.
Es ändert sich lediglich die Darstellung.
12. Zusammenarbeit
Anmerkungen unterstützen die Zusammenarbeit.
Jede Anmerkung speichert ihre eigenen:
- Urheber
- Zeitstempel
- Änderungshistorie
- Status
- Berechtigungen
Dies ermöglicht:
- gemeinsames Schreiben
- Fachkollegenbegutachtung
- Redaktionelle Arbeitsabläufe
- KI-gestützte Bearbeitung
13. Erweiterbarkeit
Verlage und Softwarehersteller KÖNNEN zusätzliche Annotationstypen einführen.
Beispiele:
- Rechtlicher Hinweis
- taxonomische Annotation
- sprachwissenschaftliche Analyse
- Anmerkung zur historischen Quelle
- Chemikalienwarnung
- klinische Beobachtung
Benutzerdefinierte Annotationstypen SOLLTEN ihre semantische Rolle deklarieren, um die Interoperabilität zu gewährleisten.
14. Zusammenhang mit anderen Spezifikationen
Diese Spezifikation basiert auf:
- OMI-SPEC-100 – Dokumentmodell
- OMI-SPEC-110 – Anker-Modell
- OMI-SPEC-120 — Wissenschaftliches Objektmodell
und bildet die Grundlage für:
- OMI-SPEC-200 – Testmodell
- OMI-SPEC-190 – Modell für Zusammenarbeit und Berechtigungen
- OMI-SPEC-210 – Zitiermodell
- OMI-SPEC-230 — Veröffentlichungsmodell
15. Änderungshistorie
- 0.2.0 — Umstellung von der vorläufigen Adresse
OMI-SPEC-003auf die kanonische AdresseOMI-SPEC-130sowie Korrektur der Abhängigkeiten.
16. Philosophie
In „OMI“ sind Anmerkungen wissenschaftliche Objekte erster Ordnung.
Eine Fußnote, eine Anmerkung aus dem Peer-Review-Verfahren, eine redaktionelle Anweisung, ein KI-Vorschlag oder ein semantisches Zitat sind allesamt Beispiele für dasselbe Konzept:
Eine semantische Beziehung, die an einen festen wissenschaftlichen Anker geknüpft ist.
Durch die Trennung von Inhalt, Beziehungen und Darstellung ermöglicht „OMI“ wirklich portable wissenschaftliche Manuskripte, die sich während des gesamten Prozesses vom Verfassen über die Begutachtung bis hin zur Veröffentlichung, Aufbewahrung und Wiederverwendung weiterentwickeln können, ohne dabei ihre semantische Bedeutung zu verlieren.