OMI-SPEC-000 — Grundprinzipien
Status: Entwurf
Version: 0.1
Zusammenfassung
Die „Open Manuscript Initiative“ (OMI) basiert auf der Überzeugung, dass wissenschaftliche Erkenntnisse unabhängig von bestimmter Software, bestimmten Verlagen, Dateiformaten oder Darstellungstechnologien existieren sollten.
Dieses Dokument definiert die Architekturprinzipien, die als Leitlinien für jede Spezifikation und Umsetzung von „OMI“ dienen.
Diese Grundsätze sind normativ. Alle künftigen „OMI“-Spezifikationen SOLLTEN mit ihnen im Einklang stehen.
1. Vision
Wissenschaftliches Wissen sollte:
- tragbar
- interoperabel
- maschinenlesbar
- für Menschen lesbar
- verlagunabhängig
- softwareunabhängig
- für künftige Generationen erhalten bleiben
OMI wurde ins Leben gerufen, um diese Ziele zu erreichen.
2. Trennung der Anliegen
OMI trennt Konzepte, die in herkömmlichen Dokumenteneditoren miteinander verschmelzen.
Die folgenden Ebenen sind voneinander unabhängig:
Knowledge
↓
Semantics
↓
Structure
↓
Relationships
↓
Presentation
Nur die Darstellungsschicht hängt vom Veröffentlichungsformat ab.
Alles andere bleibt unverändert.
3. Der Inhalt ist kanonisch
Der wissenschaftliche Inhalt ist die kanonische Darstellung.
Alle gerenderten Formulare leiten sich davon ab.
Beispiele hierfür sind:
- HTML
- DOCX
- EPUB
- JATS XML
- LaTeX
- zukünftige Formate
Keines dieser Formate definiert das Manuskript.
Sie geben es lediglich wieder.
4. Semantik vor Formatierung
Formatierung ist Darstellung.
Semantik ist Wissen.
OMI speichert eher die semantische Bedeutung als das visuelle Erscheinungsbild.
Beispiele:
Statt:
Fett
OMI Geschäfte:
Überschrift
Statt:
Kursiv
OMI Geschäfte:
Wissenschaftlicher Name
Statt:
Formatierung von Fußnoten
OMI Geschäfte:
Wissenschaftliche Anmerkung
5. Alles ist ein wissenschaftliches Objekt
Jedes aussagekräftige Element wird als eigenständiges wissenschaftliches Objekt dargestellt.
Beispiele hierfür sind:
- Manuskript
- Abschnitt
- Absatz
- Überschrift
- Abbildung
- Tabelle
- Gleichung
- Zitat
- Literaturverweiseintrag
- Anmerkung
- Rezension
- Datensatz
- ergänzendes Material
Objekte besitzen stabile Identitäten, die unabhängig von der Darstellung sind.
6. Beziehungen haben denselben Stellenwert wie andere Elemente
Beziehungen sind nicht in der Formatierung verborgen.
Es handelt sich um explizite semantische Objekte.
Beispiele hierfür sind:
- Zitat
- Anmerkung
- Rezension
- Querverweis
- Abhängigkeit
- Herkunft
Beziehungen bleiben übertragbar.
7. Stabile Identität
Jedes wissenschaftliche Objekt sollte über einen stabilen Identifikator verfügen.
Identifikatoren behalten auch nach der Bearbeitung ihre Gültigkeit.
Eine stabile Identität ermöglicht:
- Anmerkungen
- Quellenangaben
- Zusammenarbeit
- Fachkollegenbegutachtung
- Versionsverwaltung
8. Die Darstellung ist vom Renderer abhängig
Die Darstellung hängt vollständig vom jeweiligen Veröffentlichungsformat ab.
Aus demselben Manuskript könnte Folgendes werden:
- HTML
- EPUB
- DOCX
- JATS XML
- Blindenschrift
- Sprachsynthese
- Zukunftsmedien
ohne das zugrunde liegende Manuskript zu ändern.
9. Identität und Inhalt sind voneinander unabhängig
Die persönliche Identität ist kein wesentlicher Bestandteil wissenschaftlicher Inhalte.
Autoren, Gutachter, Lektoren, Übersetzer und KI-Assistenten interagieren mit Manuskripten anhand klar definierter semantischer Rollen.
Datenschutz und Anonymität sind Aspekte der Implementierung, die durch das Datenmodell unterstützt werden und nicht in den Dokumentinhalt eingebettet sind.
10. Von Grund auf offen
Alle Spezifikationen für „OMI“ MÜSSEN wie folgt lauten:
- offen dokumentiert
- offen versioniert
- offen umsetzbar
- herstellerunabhängig
- erweiterbar
Keine Umsetzung darf verbindlich vorgeschrieben werden.
11. Erhaltung an erster Stelle
Wissenschaftliche Manuskripte müssen auch noch Jahrzehnte später verständlich bleiben.
Daher vermeidet „OMI“ Abhängigkeiten von:
- proprietäre Software
- proprietäre Dateiformate
- proprietäre Cloud-Dienste
- proprietäre Rendering-Engines
Das semantische Manuskript bleibt die Archivunterlage.
12. Interoperabilität
OMI ist darauf ausgelegt, mit der bestehenden wissenschaftlichen Infrastruktur zusammenzuarbeiten.
Beispiele hierfür sind:
- JATS
- Crossref
- DataCite
- ORCID
- DOI
- ROR
- CSL
- Dublin Core
- Schema.org
- IIIF
OMI ergänzt bestehende Standards, anstatt sie zu ersetzen.
13. Künstliche Intelligenz
Künstliche Intelligenz wird als wissenschaftlicher Akteur betrachtet.
Von KI generierte Vorschläge:
- sind Anmerkungen
- weiterhin zurechenbar sein
- können überprüft werden
- sind reversibel
- Das kanonische Manuskript darf niemals automatisch ersetzt werden.
Menschliche Autoren behalten die redaktionelle Entscheidungsgewalt.
14. Erweiterbarkeit
OMI ist bewusst erweiterbar.
Neue wissenschaftliche Objekttypen, Annotationstypen, Publikationsformate und Arbeitsabläufe können eingeführt werden, ohne dass bestehende Manuskripte dadurch beeinträchtigt werden.
Die Abwärtskompatibilität sollte, soweit dies praktikabel ist, gewahrt bleiben.
15. Verwaltung der Gemeinschaft
OMI ist eine von der Community entwickelte Spezifikation.
Seine Weiterentwicklung sollte sich an folgenden Grundsätzen orientieren:
- Transparenz
- öffentliche Diskussion
- wissenschaftlicher Konsens
- technische Exzellenz
- langfristige Nachhaltigkeit
Der Standard gehört keiner einzelnen Institution oder keinem einzelnen Anbieter.
16. Philosophie
Das „Open Manuscript Initiative“ ist nicht nur ein Dokumentformat.
Es handelt sich um eine offene semantische Architektur für die wissenschaftliche Kommunikation.
OMI trennt Wissen von der Darstellung, Bedeutung von der Formatierung und wissenschaftliche Inhalte von der Software.
Auf diese Weise ermöglicht es, dass Manuskripte frei zwischen Disziplinen, Verlagen, Technologien und Generationen zirkulieren können, während ihre intellektuelle Integrität gewahrt bleibt.
Schreibe ganz natürlich. Einmal strukturieren. Überall veröffentlichen.